Takoma CNC
Mess- & Toleranztechnik

Werkzeug-Verschleiß — Mechanismen & Gegenmaßnahmen

8 typische Verschleißarten an Schneidwerkzeugen mit Ursachen, Gegenmaßnahmen und Erkennungsmerkmalen.

CNMG-Wendeschneidplatte

ISO 3685 definiert VB = 0,3 mm Freiflächenverschleiß als Standzeit-Ende beim Schruppen, VB = 0,15 mm beim Schlichten. Regelmäßige Sicht-Kontrolle = einfachste Standzeit-Vorhersage.

Aufbauschneide (Built-Up Edge, BUE)
Quelle: Sandvik Coromant

Aufbauschneide (Built-Up Edge, BUE)

Werkstoff-Partikel verschweißen unter Druck mit der Schneidkante und bilden eine instabile „Pseudo-Schneide“. Diese bricht periodisch ab und reißt Späne der Beschichtung mit sich. Typisch bei zähen niedriglegierten Werkstoffen und zu niedriger Schnittgeschwindigkeit.

Ursachen

  • Schnittgeschwindigkeit zu niedrig (unterhalb kritischer vc)
  • Spanwinkel zu klein → hoher Reibdruck
  • Kühlmittel reicht nicht an die Schneide
  • Werkstoff klebt zur Adhäsion (un­legierter Stahl, Alu)

Gegenmaßnahmen

  • vc deutlich erhöhen (oberhalb 80–120 m/min bei Stahl)
  • Positiveren Spanwinkel oder polierte Spanfläche
  • Hochdruck-Kühlung (40–70 bar) direkt an die Schneide
  • Beschichtung mit niedrigem Reibkoeffizienten (TiAlN, AlCrN, DLC)
So erkennen: Stark schwankende Oberfläche, glänzende „Spiegelflächen“ in der Spanflächen-Mitte.
Relevant für: DrehenFraesenBohren
Kolkverschleiß (Crater Wear)
Quelle: Sandvik Coromant

Kolkverschleiß (Crater Wear)

Eine wannenförmige Vertiefung („Krater“) auf der Spanfläche, einige Zehntel hinter der Schneidkante. Entsteht durch chemisches Lösen des Werkzeugstoffs in den Span — temperaturbedingt. Bricht früher oder später die Schneidkante aus.

Ursachen

  • Schnittgeschwindigkeit zu hoch (Hitze > 1000 °C)
  • Falsche Beschichtung (TiN bei Stahl statt Al₂O₃)
  • Zu wenig Kühlung
  • Sehr abrasive Materialien (Si-haltige Aluminium)

Gegenmaßnahmen

  • vc um 15–25 % reduzieren
  • Al₂O₃- oder Ti(C,N)-Beschichtung wählen (hitze-stabil)
  • Kühlmittel-Konzentration auf 8–10 % anheben
  • Spanleitstufe optimieren (kürzerer Spanwurf → weniger Krater)
So erkennen: Glatter Krater 0,2–0,8 mm hinter der Schneide, oft mit blauer Verfärbung.
Relevant für: DrehenFraesenBohren
Freiflächenverschleiß (Flank Wear, VB)
Quelle: Sandvik Coromant

Freiflächenverschleiß (Flank Wear, VB)

Gleichmäßiger Verschleiß an der Freifläche unterhalb der Schneidkante. Wird mit VB (Verschleißmarkenbreite) gemessen. Standard-Standzeit-Kriterium nach ISO 3685 — VB = 0,3 mm gilt als Standzeit-Ende beim Schruppen, VB = 0,15 mm beim Schlichten.

Ursachen

  • Normaler Abrasions-Verschleiß durch das Werkstück
  • Harte Einschlüsse im Material (Karbide, Oxide)
  • Vorschub zu niedrig → kein definierter Span
  • Falscher Werkzeugstoff für die Härte (HSS bei > 30 HRC)

Gegenmaßnahmen

  • Härteren Schneidstoff: VHM, Cermet, Keramik
  • Beschichtung mit hoher Härte (Al₂O₃, c-BN)
  • Vorschub erhöhen (fz/fn um 20–30 %)
  • Standzeit-Ende rechtzeitig erkennen (VB-Messung)
So erkennen: Gleichmäßig matter Verschleißstreifen 0,1–0,3 mm breit an der Freifläche.
Relevant für: DrehenFraesenBohrenReibahle
Kerbverschleiß (Notch Wear)
Quelle: Sandvik Coromant

Kerbverschleiß (Notch Wear)

Lokal stark erhöhter Verschleiß genau dort, wo die Schneide die Werkstück-Oberfläche verlässt (Spanaustritts-Zone). Typisch bei harten Material-Häuten (Walzhaut, Gusshaut, Glashaut).

Ursachen

  • Werkstück-Oberfläche stark verfestigt oder oxidiert
  • Schnitttiefe ap zu konstant → immer gleiche Stelle belastet
  • Werkstoffe mit Verfestigungsneigung (austenitischer Stahl, Inconel)
  • Negativer Eckenradius des Werkzeugs

Gegenmaßnahmen

  • ap variieren: schräge Anstellung oder mehrere ap-Stufen
  • Größerer Eckenradius (verteilt die Last)
  • Beschichtung mit hoher Zähigkeit (PVD-TiAlN)
  • Erste Häute mit dediziertem Schrupp-Werkzeug entfernen
So erkennen: V-förmige Kerbe an der Schnitt-Austrittsseite, oft 0,3–0,5 mm tief.
Relevant für: DrehenFraesen
Ausbrüche (Chipping)
Quelle: Sandvik Coromant

Ausbrüche (Chipping)

Kleine Ausbrüche der Schneidkante, oft mehrere 0,1 mm groß. Ursache ist meist mechanischer Stoß — entweder beim Eintritt oder durch harte Einschlüsse im Material.

Ursachen

  • Eintritts-Stoß zu hart (volles Eingriffs-Profil sofort)
  • Vorschub zu hoch → Schneide überlastet
  • Sprödschneidstoff für unterbrochenen Schnitt zu spröde
  • Vorhandene Schlagstellen am Werkstück (Lunker, Einschlüsse)

Gegenmaßnahmen

  • Sanfter Eintritt: Bogen-Einfahrt statt Linear-Eintritt
  • Vorschub 20 % reduzieren (zumindest bei den ersten Schnitten)
  • Zähere Sorte wählen (Schruppen vor Schlichten)
  • Fasung an der Schneide anbringen (chamfer für Eintritts-Schutz)
So erkennen: Unregelmäßige Bruchstücke der Schneide, 0,1–0,4 mm groß, scharfkantig.
Relevant für: DrehenFraesenBohren
Plastische Verformung
Quelle: Sandvik Coromant

Plastische Verformung

Die Schneide gibt unter Druck und Hitze nach — sie „rutscht“ leicht. Oft erkennbar an einer ausgewölbten Schneidkante. Bei VHM kritisch, weil danach Crater-Wear extrem schnell läuft.

Ursachen

  • Schnitttiefe ap und Vorschub gleichzeitig zu hoch
  • Zu weicher Schneidstoff für die thermische Belastung
  • Werkstoff sehr hart (> 45 HRC) bei normalen Schnittwerten
  • Beschichtung zu dünn / nicht wärmedämmend

Gegenmaßnahmen

  • Härteren Schneidstoff: K10–K20 Substrat, Al₂O₃-Beschichtung
  • Spez. Schnittdaten für Hartzerspanung (vc niedriger, ap kleiner)
  • Wärmedämmende dicke Al₂O₃-Top-Beschichtung (CVD)
  • Hartzerspanen erfordert dedizierte Sorten (z.B. Sandvik CB7050)
So erkennen: Schneidkante hat „weichen“ Rand, oft mit Glanz und Anlauffarben.
Relevant für: DrehenFraesen
Diffusionsverschleiß
Quelle: Sandvik Coromant

Diffusionsverschleiß

Chemische Auflösung des Schneidstoffs in den Span bei hohen Temperaturen. Eisen löst Wolframcarbid – das Hauptproblem bei VHM-Bearbeitung von Titan und Nickelbasis-Legierungen.

Ursachen

  • Sehr hohe Temperaturen an der Schneide (> 900 °C)
  • Chemisch reaktive Werkstoffe (Ti, Ni-Legierungen)
  • Schnittgeschwindigkeit zu hoch
  • Beschichtung fehlt oder ist abgenutzt

Gegenmaßnahmen

  • vc deutlich senken (Ti6Al4V: vc < 60 m/min)
  • Diffusionssperre durch TiAlN- oder AlCrN-Beschichtung
  • Beim Fräsen: Hochdruck-Innenkühlung (70+ bar)
  • PCD-Schneidstoff für reaktive Materialien wo möglich
So erkennen: Glatte, leicht versetzte Schneide ohne klare Verschleißfläche — eher „gelöste“ Optik.
Relevant für: DrehenFraesen

Quellen: ISO 3685 (Standzeit-Prüfung Drehmeißel), VDI 3324 (Verschleißverhalten), Sandvik Coromant Trainings-Material, Kennametal Tool Wear Guide. Bei wiederkehrenden Verschleißbildern: Bild mit dem Service-Techniker des Werkzeug-Lieferanten teilen.